„Resilience ist kein kurzfristiges Konzept, schon gar nicht eine reine Notfallplanung“

11 Apr

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Artikel erschienen in der GIS.Business, Ausgabe 2/2018, Seite 13-14

Im Interview: Uwe Rühl, Risikomanagementexperte und Gründer der RUCON Gruppe

Aktuell herrscht in der Kapregion eine der größten Dürren seit Jahrzehnten, wenn nicht gar seit einem Jahrhundert. Allen Zahlenspielen zum Trotz scheint vieles an der aktuellen Misere hausgemacht. Unsere Redaktion sprach mit dem Risikomanagementexperten Uwe Rühl über gezielte Maßnahmen, dem Thema Notfallmanagement und tragfähigen Plänen für ein nachhaltiges Wassermanagement. Wichtig ist dabei auch die Resilience der Bevölkerung zu erhöhen.

Redaktion gis.Business: Kapstadt leidet aktuell unter einer massiven Wasserknappheit. Die Folge sind drastische Einsparmaßnahmen für die Bevölkerung und Unternehmen. Und es droht sogar der „Day Zero“, an dem die Stadtverwaltung  die Wasserversorgung abstellt. Ist das nicht ein hausgemachtes Problem?

Uwe Rühl: Man muss sicher immer den Mix aus Faktoren die nicht beeinflussbar sind (Wetterentwicklung) und beeinflussbaren Faktoren unterscheiden. Beeinflussbar wäre zum Beispiel gewesen, ein langfristiges Monitoring rechtzeitig einzuführen, um Vorhersagemodelle der Niederschlagsentwicklung mit dem Wasserverbrauch pro Kopf, aber auch aus der Industrie besser zu beobachten und daraus Stellhebel und Pattern herauszufinden. die auf den Wasserkonsum einwirken. Awareness-Kampagnen, aber auch die gezielte Förderung von Maßnahmen zur Rückgewinnung von Brauchwasser könnten Effekte abmildern.

Redaktion gis.Business: Hätten die Verantwortlichen hier nicht viel früher einen Notfallplan entwickeln müssen?

Uwe Rühl: Sicher hätte eine Prüfung erfolgen können, ob Wasser aus anderen Quellen zu beschaffen ist. Natürlich ist es ökologisch schwierig bis wahnsinnig, Wasser in Tankschiffen durch die Gegen zu fahren. Als Notfallmaßnahme muss man bedenken, dass im Notfall auch in Deutschland Wasser transportiert wird, z.B. wenn ein Leitungsnetz einer Gemeinde wegen einer Keimverseuchung temporär unbrauchbar ist. Dann helfen Tankfahrzeuge aus, um die Versorgung der Bevölkerung sicher zu stellen.

Im Falle Kapstadt hätte zum Beispiel auch die Frage nach Meerwasserentsalzung einen Sinn. Was aber auch hinterfragt werden muss, ist die Monopolisierung durch Privatisierung von Wasserquellen. Dies könnte in Zukunft zu noch schwierigeren Verteilungsfragen führen. Hier wäre auch marktpolitisches Handeln gefragt. Man muss also langfristige, strategische und politische Fragen von denen einer kurzfristigen Notfallreaktion trennen. Eine Notfallversorgung der Bevölkerung zum Beispiel mit Tankfahrzeugen ist das, was es ist: eine Notfallmaßnahme.

Redaktion gis.Business: Wie kann ein Plan im Bereich des Wassermanagements als kritische Infrastruktur aussehen und welchen Erfolg verspricht diese Planung?

Uwe Rühl: Wichtig sind unter anderem Kompensationsmaßnahmen. Diese sollten immer geplant werden, wie eben die Sanktionierung der Wasserversorgung und die gelenkte Verteilung von Wasser im Notfall. Wichtiger ist aber eine rechtzeitige vorausschauende Planung und Strategie. Also strategisch mehrere Bezugsquellen aufbauen, den Verbrauch nachhaltig senken, Rückgewinnung forcieren. Das gilt auch für Unternehmen und deren Planungen, beispielsweise zur Beschaffung von Ressourcen und Rohstoffen. Eine Bündelung von Bezugsquellen, nur um einen noch besseren Einkaufspreis zu erzielen, kann sich hier nachteilig auswirken. Wer kurzfristig Gewinne erzielt, wird langfristig vielleicht in die Röhre schauen.

Redaktion gis.Business: Im Zuge einer besseren Widerstandsfähigkeit von Organisationen drängen Experten darauf, die Resilienz auszubauen, um für den Tag x besser vorbereitet zu sein. Wie kann sich der Leser dies für eine Millionenstadt wie Kapstadt vorstellen und an welchen Stellschrauben muss in diesem Kontext gedreht werden, um Städte zukünftig widerstandsfähiger gegen solche Katastrophen zu machen?

Uwe Rühl: Resilience ist kein kurzfristiges Konzept, schon gar nicht eine reine Notfallplanung. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob es für Kapstadt sinnvoll ist, durch Notfallmaßnahmen die derzeitige Situation zu überstehen und danach zurück zum Alltag zu kehren, als wäre nichts geschehen? Wichtig ist es vielmehr, die Lern- und Anpassungsfähigkeit zu erhöhen. Es geht darum, langfristige Strategien zu finden, sich anzupassen. Das wird nicht ohne Veränderung funktionieren, ohne vielleicht den einen oder anderen schmerzhaften Einschnitt auch für die Bevölkerung. Aber das macht das Survival of the Fittest aus.

Redaktion gis.Business: Was verstehen Sie darunter?

Uwe Rühl: Es geht darum sich verändernden Bedingungen anzupassen. Im Umkehrschluss heißt das auch, dass es ein weiter so nicht geben darf. Wenn man nach Resilience strebt, muss eine Lernfähigkeit erzeugt werden. Dies gilt nicht nur für Kapstadt, sondern auch für andere Regionen und natürlich auch für Unternehmen. Es gibt danach vielleicht eine Rückkehr zu einem neuen Alltag, zu einem Alltag mit Veränderungen im Verhalten, im Verbrauch von Wasser.

Urheberrecht Foto: © Robert Kneschke, Fotolia.com

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